Jonathan und die Weihnachtsbotschaft

Jonathan und die Weihnachtsbotschaft

Verena Radlingmayr © 2019, Text >als pdf

Jonathan streifte alleine durch das Gras, das fast so hoch war wie er. Manche der Gräser ragten sogar bis über seinen Kopf und dabei war Jonathan schon groß. Er war acht. Das Gras war einst grün gewesen, doch heute war es braun. Es erinnerte Jonathan an Schilf. Doch Gott sei Dank waren die Blätter der Gräser nicht scharf. Jonathan wusste, dass Schilfblätter so scharf waren wie ein Messer. Sie konnten zarte Kinderhände aufschneiden aber auch die rauen Hände der holzarbeitenden Männer. Das hatte er selbst einmal gesehen. 
Er schnaufte aus. Ihm war ein wenig langweilig. Alle seine Freunde waren verreist. Nur er war mit seinen Eltern und den älteren Einwohnern im Dorf zurückgeblieben. Da er keine Geschwister hatte, gab es auch niemanden, den er hätte ärgern können. Und es gab keinen Schnee, deshalb stand sein schöner, alter Holzschlitten traurig in der Garage. Der Holzschlitten hatte eine blau-rote Sitzfläche und war der schnellste von allen. Wann immer Jonathan mit dem Blitz – so nannte er seinen Schlitten – zum Hügel kam, wollten alle Kinder auch mit dem Schlitten fahren. Doch heute gab es keinen Schnee und keine Freunde. Es gab niemanden in dem Dorf, der auch nur annähernd so jung war wie Jonathan. Alle Kinder waren zu den Großeltern gefahren. Sein bester Freund Paul wurde auch von seinen Eltern an einen anderen Ort gebracht, einen, wo es keine Schneehügel gab, aber dafür weites Land und warme Sonne. Pauls Großeltern lebten dort seit  einigen Jahren. Und so begab es sich, dass Jonathan das einzige Kind in dem ganzen großen, kleinen Dorf war. 

Jonathans Großeltern wohnten bei seinen Eltern im Haus. Wie alle Kinder wusste auch Jonathan, dass jedes Kind vier Großeltern hatte: zwei waren Papas Eltern und zwei Mamas Eltern. Aber Jonathan kannte nur die zwei Großeltern, die bei ihm im Dachboden wohnten. Dort hatten sie eine gemütliche Wohnung, in der es warm und kuschelig war. Die Wohnung der Großeltern war immer wärmer als der Rest des Hauses und das warme honigfarbene Holz, mit dem die Wände vertäfelt waren, trug noch zum Wärmegefühl bei. Viele Abende saß er dort vor dem Kamin und lauschte seiner Oma, die im Schaukelstuhl saß und die spannendsten Geschichten erzählte. Sein Opa lehrte ihn zu schnitzen und wie man aus Holz die besten Pfeifen macht. Jonathan liebte es, bei seinen Großeltern zu sein. Aber heute hatte auch die Großeltern keine Zeit. Und irgendwas musste er tun. Morgen war schließlich Weihnachten und die zeit bis dahin sooooo lange. Obwohl es nur noch wenige Stunden waren, bis der 24. Dezember beginnen würde, schien es Jonathan, als wären noch 500 Jahre zwischen dem Jetzt und dem Christkind-Tag. Wann immer er auf die Uhr sah, waren nur zwei Minuten vorbei. Aber das konnte nicht sein. Jede Minute fühlte sich an wie Stunden. Vielleicht war die Uhr kaputt. Jonathan lauschte und hörte sie ticken. Nein, die Uhr war nicht kaputt. Es war ihm langweilig. Alles war lang, und langsam und öde. 

“Aber, aber, junger Mann. Wer wird denn so verzagen?” Jonathan blickte sich um. “Wer spricht denn hier?” sagte er laut, mehr zu sich selbst als zu jemand anderen und auch um sich zu beruhigen, denn ein Fremder hier im Dorf war ungewöhnlich. Es war ihm ein wenig unheimlich, dass hier jemand so mir nichts, dir nichts mit ihm sprach. 

Doch er war tatsächlich nicht allein. “Ein Leprechaun!” Jonathan hatte noch nie einen Leprechaun  persönlich kennengelernt. Doch die Bücher, die seine Oma ihm im heimeligen Dachzimmer vorlas, enthielten viele, viele Informationen über die feinen Völker. Der grüne Mantel und der Hut, die schweren Schuhe mit der silbernen Schnalle, der schmale Körper und die geringe Größe waren eindeutige Merkmale. 

Jonathan verneigte sich. “Guten Abend, Sire.” “Guten Abend, Jonathan! Wieso so trübselig heute?” “Ach, mir ist langweilig. Alle Kinder sind zu ihren Großeltern gefahren. Und bis zum Heiligen Abend ist noch so viel Zeit und es scheint, als würden die Stunden immer länger und länger.” “Das ist der typische Weihnachtsblues.” “Was ist das?” “Der Weihnachtsblues? Das ist der blaue Fleck, der sich über die Freude in Deinem Bauch legt und alles schwer und lang macht. Der Weihnachtsblues ist wie ein Gewicht, das auf Deine Stimmung drückt. Und das Lachen ganz ganz flach zusammendrückt.” “Habe nur ich diesen Weihnachtsblues?” “Nein, Jonathan, alle Kinder haben den.” “Auch die, die zur Oma gefahren sind?” fragte Jonathan ungläubig. “Ja, Jonathan, auch die Kinder, die heute nicht hier im Dorf, sondern irgendwo weit weg sind.” “Auch die Kinder, die Geschwister haben?” “Selbstverständlich, Jonathan, auch die Kinder, die Geschwister haben verspüren manchmal Langeweile oder Ungeduld.” Jonathan kickte mit dem Fuß einen Stein weg. Als er sich wieder umsah, war der Leprechaun verschwunden, doch er entdeckte einen kleinen Notizzettel an der Stelle, an der eben noch die Füße des Leprechauns waren. 

“Die Weihnachtsbotschaft” stand ganz oben auf dem Papier. Jonathan, der schon recht gut lesen konnte, las den gesamten Text:

“Wenn die Tiere sich zum Schlafen zurückziehen, wenn es Nacht wird im Jahr und kalt im Wald, feiern die Menschen ein besonderes Fest. Sie schmücken dazu das Haus, schmücken die Bäume und sogar den Stall für die Tiere. Frisch gewaschen und in schönen Gewändern erwarten sie die Ankunft des Lichts, des himmlischen Zaubers, der alles Leben wieder erweckt. Der Zauber zeigt sich für jeden Menschen unterschiedlich. Für manche ist es die Nächstenliebe, eine gute Tat, die man anderen selbstlos angedeihen läßt. Manche Kinder bringen schwachen oder älteren Personen in ihrer Nähe Kekse und warme Suppe, und verbreiten so die Weihnachtsbotschaft. Für manche Menschen beginnt zu Weihnachten ein neues Leben, weil ein Kind auf die Welt kommt. In allem, was wir geben, steckt die Weihnachtsbotschaft: die Freude zu schenken ist eben groß wie die Freude zu bekommen.”

Jonathan grübelte. Er hatte sich noch nicht viele Gedanken gemacht, was er anderen zu Weihnachten geben konnte. Er wartete immer nur darauf, dass das Christkind seine Geschenke brachte. Doch es schien ihm, als könnte das Christkind Unterstützung gebrauchen. Er eilte nach Hause. “Mama, darf ich etwas von der Suppe zu den Kranken und Alten im Dorf bringen?” “Das ist eine sehr gute Idee, Jonathan. Lass mich reichlich davon in Gläser füllen und dann gehen wir gemeinsam.” In der Zwischenzeit plünderte Jonathan seine Keksdose. Er hatte von seiner Oma eine riesengroße Schachtel voll mit Keksen bekommen, aber er wollte sie nicht mehr für sich alleine haben. Er machte viele kleine Kekspakete, indem er ein paar Kekse in Papier einschlug. Als er fertig war, ging er mit seinen Eltern gemeinsam durch das Dorf. Sein Vater half manchen Holz zu hacken oder das Feuer zu schüren, während Jonathan und seine Mutter das Essen austeilten. In jedem Haus und jedem Menschen merkte Jonathan etwas Besonderes: es wurde Licht. Das Haus wurde heller durch die schiere Freude über den Besuch und ein Leuchten kehrte in die Augen der Beschenkten zurück. 

Als er nach Hause kam, war Jonathan viel zu müde, um noch an das Christkind zu denken. 

Am nächsten Morgen, dem 24. Dezember, erwachte er und bat seine Mutter, auch die restlichen Dorfbewohner besuchen zu dürfen. “Geht ihr Männer nur alleine,” sagte seine Mutter und lächelte geheimnisvoll. Jonathan wusste, dass seine Mama immer sehr gutes Essen für den Weihnachtsabend zubereitete und dass das viel ihrer Zeit in Anspruch nahm. 

Es wurde schon dunkel, als er und sein Vater wieder nach Hause kamen. Jonathan war aufgeregt und glücklich. Es war ein wunderschöner Tag gewesen. All diese Menschen hatten sich so gefreut! In seinem Zimmer wollte er nur kurz auf seinem Bett ausrasten, bevor er endlich, Endich nach unten gehen und hoffentlich das Christkind sehen würde. Doch der anstrengende Tag holte ihn ein. Jonathan fiel in einen tiefen Schlaf. 

Im Traum traf er den Leprechaun wieder. “Guten Tag, Jonathan. Wie war dein Weihnachtsfest?” “Guten Tag!” Jonathan erzählte voll der Freude von all den Menschen und wie froh sie waren, dass er und seine Eltern sie besucht hatten. “Und was ist mit Dir und Deinen Geschenken?” Das hatte Jonathan ganz vergessen. In all der Aufregung hatte er vergessen, wie hart er darauf gewartet hatte, dass die Zeit vergeht. Er hatte vergessen ungeduldig zu sein und sich zu langweilen. Der Leprechaun stupste ihn sanft an die Nase. “Ich bin sicher, das Christkind hat Dich nicht vergessen!”

Als Jonathan aufwachte, wurde es bereits wieder hell. Er hatte Weihnachten verschlafen! Hoffentlich gab es ich etwas von dem leckeren Essen. Und hoffentlich, so betete Jonathan, Gabe es auch ein Geschenk für ihn unter dem Weihnachtsbaum. 

Doch zu seiner Überraschung fand sich ein Geschenk auf seinem Bett. Jonathan öffnete es vorsichtig. Eine Flöte! Jonathan wusste, mit Musik und seiner Flöte würde er nie mehr alleine sein. Das war für ihn das schönste Geschenk von allen.