Beraterkonzepte, Horoskope, Persönlichkeitsprofile oder systemische Ansätze, sie alle kommen aus einer Zeit, in der Verstand, Erfahrungswerte und Fakten über alles gestellt wurden. Es sind dies Konzepte und Hilfestellungen, die uns helfen sollen, rasch Entscheidungen zu treffen und dabei auf der sicheren Seite zu sein.

Sie alle haben ihre Berechtigung. Um den Anforderungen heute auch weiterhin gerecht werden zu können, bedarf es in den Entscheidungsmodellen eines weiteren Faktors: der Individuellen Kapazität.

Wozu dienen Modelle, Lösungen und psychologische Kategorien?

Der menschliche Verstand wird täglich von so vielen Eindrücke bombardiert, dass dies seine Aufnahmefähigkeit bei weitem übersteigert. Um effizient und handlungsfähig zu bleiben, schaffen wir Ordnung im Kopf. Diese Ordnung wird hergestellt, indem man Eindrücke, Menschen und Erfahrungen Kategorien zuteilt. Das erlaubt uns, rasch und effizient eine Beurteilung zu treffen. In ihrer negativen Ausprägung kenne wir sie als Vorurteile oder Stereotype. Diese sind für die nachfolgenden Ausführungen aber nicht relevant.

Modelle und Kategorien definieren einen Handlungsspielraum oder einen Möglichkeit, eine Person, Lage oder Herausforderung einzuschätzen und zu bewerten. Mangels Fakten und Erfahrungswerten stützen wir uns auf standardisierte Kriterien, um überhaupt befähigt zu sein eine Entscheidung zu treffen.

Kategorien im Beruf und Alltag

Ohne Kategorien gibt es keine Entscheidung. Es ist uns nicht möglich, so scheint es, von Standardprozessen und Denkmodellen abzuweichen.

Stellenausschreibungen sind ein sehr gutes Beispiel für den Versuch, das Unbekannte zu benennen. Der Person, die wir suchen, wird durch eine Reihe von Standardeigenschaften Kontur gegeben. Wie auch sonst sollten wir mit der Suche beginnen?

Im beruflichen Zusammenspiel bewerten wir Kollegen nach ihrem Beruf – so wissen wir, mit wem wir es zu tun haben, ohne den Menschen schon zu kennen. Vom Beruf auf den Menschen zu schließen, erlaubt uns soziale Interaktion, gibt uns eine gewisse Sicherheit, wir möchten Risiken ja so weit als möglich minimieren.

Privat kennen wir zusätzliche Modelle, etwa das von Horoskopen, das uns eine Einschätzung der Person gibt.

Viel Wissen zu diesen Themen stammt aus einer Ära, in der Verstand über alles gestellt wurde. Management nach Zahlen. Erfolg anhand von MBO-Kriterien. Erfolg als Summe auf dem Gehaltsscheck.

Wandel?

Veränderung ist ein ständiger Bestandteil menschlicher Entwicklung. Dachten wir einst, die Erde sei eine Scheibe und die Sonne würde sich um uns drehen, wissen wir heute vieles besser. Was wir heute wissen, ist ebenso flüchtig und vergänglich wie das Wissen unserer Vorfahren. Wurde Ihnen noch beigebracht, wie ein Atom aussieht? Dass es sich dabei um den kleinsten Baustein handelt? Wurde Ihnen vermittelt, dass wir mit der Entschlüsselung der menschlichen DNS am Ziel angekommen, alles verstehen und alle Krankheiten würden heilen können?

Heute wissen wir mehr, kennen zusätzliche Teilchen. Forscher haben entdeckt, dass die DNS alleine zu wenig aussagekräftig ist und stießen durch ihre Forschung auf die Epigenetik, die Software oder den sogenannten zweiten Code.

Gesichert ist also, dass Wissen nur eine Momentaufnahme ist. Ich weiß, dass ich nichts weiß.

Gesichert ist weiters, dass in Laufe der Menschheitsgeschichte das Pendel in verschiedene Richtungen ausschlägt. Hippie – Yuppie. Verstand – Gefühl. Wissen – Vermutung. These – Antithese.

Synthese

Kein ernstzunehmender Manager wird heute noch von sich behaupten, allein auf der Basis von Zahlen zu entscheiden. Er greift auf seine Erfahrungswerte zurück. Banker haben den richtigen Riecher und Frauen wird erlaubt, beruflich auf ihre Intuition zurückzugreifen. Weiblicher Führungsstil wird dabei gerne als Symbol für empathische Modelle ohne Alleinherrscheranspruch verwendet.

Kommen wir auf das Beispiel mit der Stellenanzeige zurück. Wir suchen etwas und bekommen jemanden. Wir wollen Zuverlässigkeit, eine bestimmte Ausbildung und ein Mindestmaß an Erfahrung in der richtigen Branche.

Doch was wir bekommen, geht über den Standardanteil hinaus. Der Mensch ist mehr als die Stellenanzeige. Dass wir uns für einen Kandidaten entscheiden, hängt nicht nur von der Fachkompetenz ab, sondern auch von nicht meßbaren Kriterien wie dem ersten Eindruck, der Sympathie und der Idee, die wir von der Person haben.

Individualität ist Menschen immer wichtiger. Weshalb wohl arbeiten Firmen an ihrem Image? Bemühen sich, mehr zu bieten als Geld und einen Arbeitsplatz? Wieso entscheiden sich Best-Performer oft für das Unternehmen, das weniger zahlt, aber „grüner“ ist, familienfreundlicher oder das, mit dem sie sich optimal identifizieren können.

Weil aktuell aus dem Hippe und dem Yuppie eine Synthese erfolgt, das selbst- und kollektivbewusste Individuum.

Individualität als entscheidender Faktor

Bewährte Modelle müssen diesen neuen Faktor berücksichtigen – egal ob im Beraterwesen, der Medizin, den Schulen. Individualität wie oben definiert macht vor keinem Bereich halt.
Touristiker finden sich mit einem gänzlich neuen Gast konfrontiert, Ärzte mit Patienten, die nicht einstellbar sind, Berater mit Unternehmen die trotz der besten Modelle nicht genesen.
Wir müssen die bewährten Modelle nicht verwerfen. Sie dienen weiterhin als Richtwert – allerdings muss der Berater heute die Ergebnisse der Erstbeurteilung einer Evaluierung unterziehen, die auf seinen Erfahrungswerten, seiner Einschätzung und seinem Weitblick beruhen.

Es braucht

  • Abstand
  • eine übergeordnete Sicht der Dinge und
  • ein Verständnis für natürliche Prozesse.

Die Erkenntnisse, die der Verstand liefert, müssen als Entscheidungsgrundlage genauso herangezogen werden, wie die intuitive Erfassung der Gesamtsitutaion. Je besser mein Wissen und mein Gefühl, desto weiter mein Handlungspotential.
Die Meßbarkeit der intuitiven Seite ist erst am Anfang. Nichtsdestotrotz hat jeder von uns schon Erfahrungswerte dahingehend gesammelt. Ein Mitarbeiter, der eingestellt wurde, obwohl die Fachkompetenz nur die zweitbeste war und sich als unschätzbar wertvoll erwies. Ein Gespräch, in dem wir unsere Taktik geändert und so den Erfolg gelandet haben. Der Hausverstand der uns warnt, dass das doch zu abgehoben ist, was ein vermeintlicher Heiler verspricht. Doch die Entwicklung zu verleugnen wäre sich gegen einen Prozess zu stellen, die ebenso wenig aufhaltbar ist wie das Wissen, dass die Erde um die Sonne kreist.

Graz, im Dezember 2013

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Die Begriffe „selbst- und kollektivbewusstes Individuum“ „Wissen ist eine Momentaufnahme“ sowie die Erkenntnisse in diesem Artikel sind urheberrechtlich geschützt. Veröffentlich und Verbreitung nur im Rahmen des privaten Gebrauchs oder in Form von Zitaten. Alle Rechte: Dr. Verena Radlingmayr